“Systemwandel statt Klimawandel!”

Von Susanne Götze aus Tunis – klimaretter.info

Das 11. Weltsozialforum [1] in Tunis schließt mit viel Lärm und Folklore. Drei Tage lang diskutier- ten hunderte Klimaaktivisten in den Workshops des “climate space” [2], des sogenannten Kli- maraums. Das Interesse war groß, das Engage- ment auch – doch was bleibt außer großen Worten und einem “Klima der Poesie”

Der Hörsaal Amphi C der Universität Tunis ist proppenvoll. “Climate Justice! Now!”,ruft die Moderatorin ins Auditorium – und die Aktivisten wiederholen den Slogan begeistert. “Solidarité”, schreit ein Teilnehmer ins verstimmte Mikro, das Publikum antwortet krei- schend. Dann singen Via-Campesina-Vertreter, und ein Indianer stimmt statt eines Bei- trages einen traditionellen Gesang an – Widerstand gegen den Klimawandel kann richtig bunt sein. Drei Tage Seminare und Vernetzungstreffen auf dem Weltsozialforum (WSF) haben die Klimaaktivisten aufgeheizt: Sie sind wütend, hoch motiviert und haben sich über Grenzen hinweg solidarisiert. Doch ist die globale Klimabewegung nun weiter als vorher? 

Wie groß das Interesse am Klimaschutz in den sozialen Bewegungen ist, zeigte die Ab- schlussveranstaltung des “climate space” am späten Freitagnachmittag. Das Amphithe- ater in der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tunis war randvoll, jedem Sprecher wurde geduldig zugehört. “Wir wollen die Klimabewegung neu beleben, die seit Kopenhagen schwächelt”, erklärt Organisator Maxime Combes [3] von “Climate Justice Now”. Zumindest was das Forum angeht, ist den Organisatoren das gelungen. Kritische Stimmen wie Tadzio Müller aus Deutschland hingegen sind weniger euphorisch. Von ei- nem “Klima der Poesie” [4] statt konkreter Debatten schrieb der Klimaaktivist schon nach den ersten Eindrücken über den “climate space” des WSF. 

Folklore statt Strategiedebatten 

An Motivation mangelt es auf diesem Forum nicht – im Klimaraum ebenso wenig wie auf anderen Veranstaltungen. Überall wird getanzt, skandiert, Fahnen und Symbole werden geschwenkt. Dennoch regierte auf den Abschlussveranstaltungen eine Art Ratlosigkeit, auch unter den Klimaaktivisten: Wie geht es weiter? Wie kann man global zusammenar- beiten? Wie kann man mobilisieren? Wie das Bewusstsein der “Massen”wecken? 

Gegenüber den Möglichkeiten [5] und der Macht von Regierungen und multinationalen Konzernen wirken die verzweifelten Warnungen, erschreckenden Berichte und eindring- lichen Aufrufe in den runtergewirtschafteten Seminarräumen der Uni Tunis fast etwas hilflos. Jeder hatte hier eine Stimme, doch statt wirklich konkreter Diskussionen folgte Wortbeitrag auf Wortbeitrag oft ohne Zusammenhang, und dann war die Zeit auch schon vorbei. Wie man dem kapitalistischen Feind “da draußen” das Handwerk legt, ist kaum ein Thema, nur dass man es tun muss, ist allen klar. 

Nachdem man sich im “Klimaraum” zwei Tage lang über die Technik des ‘Fracking’, ‘Geo-Engineering’, das REDD-Waldschutz-Abkommen [6], Wasserressourcen, erneuer- bare Energien, Atomkraft, Klimamigration [7] und viele andere drängenden Fragen ausgetauscht hat, ist den Teilnehmern einmal mehr klar: So geht es nicht weiter. 

Klimawandel wird auf dem Weltsozialforum mit dem kapitalistischen System gleichge- setzt. “Systemwandel statt Klimawandel” ist ein Slogan, der immer wieder die Runde macht. “Dieses System tötet unsere Leute”, machten verzweifelte Teilnehmer ihrer Wut Luft. Auf dem Abschlusspodium wird daher nicht nur gegen die großen Industrienationen gewettert, sondern auch gegen Weltbank, IWF und die Logik des Kapitals geschossen. Doch für mehr als oberflächliche Kritik und pauschale Slogans reicht es auf dem Weltso- zialforum auch dieses Mal nicht. 

Ökologische und soziale Fragen erstmals gemeinsam behandelt 

Während für Europäer dieses Forum eines von vielen war, bei denen über Demokratie, Ökologie und Kapitalismus gestritten wird, war es für die Tunesier eine ganz neue Er- fahrung: “Für uns ist dieses Forum eine große Hilfe. Wir wissen nun, dass wir mit uns- eren Anliegen nicht allein sind”, erklärte eine junge tunesische Umweltaktivistin, die sich in ihrem Verband gegen Schiefergasabbau in Tunesien engagiert. “Unsere Zivilgesell- schaft ist noch jung und die Ökobewegung klein – wir brauchen euch!” Die Begeister- ung, mit der die tunesischen Aktivisten ihre Gäste aus aller Welt empfangen, zeigt, wie erleichtert und stolz sie sind, Teil einer kritischen Gemeinschaft zu sein. 

“Auf dem Forum werden das erste Mal ökologische und soziale Fragen in einem Atem- zug behandelt”,
 verteidigt auch Genevieve Azam von Attac Frankreich die Fortschritte des WSF. “Die Effekte des Forums sind kaum messbar und der Prozess ist ein stetig langsamer.” Die Wirkung von Vernetzung, Mobilisierung und Ideenaustausch sei nicht sofort auszumachen. Zudem solle man sich einmal eine Welt ohne Sozialforum vorstel- len, meinte die Attac-Vertreterin. Für viele, die hier waren, undenkbar. 

So wird es sicherlich auch ein 12. Forum geben. Doch die Frage nach dem Ergebnis muss dennoch gestellt werden. Gerade für drängende Fragen wie den Klimawandel können die vielen Großversammlungen ohne konkrete Resultate auch frustrierend werden. “Wir stehen am Anfang des Kampfes”, meinte eine Via-Campesina-Aktivistin auf dem Abschlusstreffen. Aber eigentlich hatte sie sich zuerst versprochen: “Wir stehen am Anfang der Nacht”, meinte die Französin, korrigierte sich aber mit einem erschrockenen Lächeln. 

Im Text verwendete Links: 
1. weltsozialforum.org/2013
2. http://www.fsm2013.org/en/node/12157
3. http://www.klimaretter.info/protest/hintergrund/13382
4. http://wsf.blog.rosalux.de/2013/03/28/er
5. www.klimaretter.info/politik/hintergrund/13324
6. www.klimaretter.info/umwelt/nachricht/13335
7. www.klimaretter.info/umwelt/hintergrund/13385

www.klimaretter.info/protest/hintergrund/13389

Weitere Berichte vom Weltsozialforum in Tunis: 
www.klimaretter.info/protest/nachricht/13356

die tageszeitung:
www.taz.de/!113814

WELTSOZIALFORUM IN TUNIS 
Im Zeichen der Würde 
Mit einer großen Demonstration endet das Weltsozialforum. Mitbestimmung und Migration waren Schwerpunkte des internationalen Treffens 
VON CHRISTIAN JAKOB 
Kommentar zum Weltsozialforum: 
Lasst nicht jeden rein! 

www.taz.de/!113825

http://www.scharf-links.de/47.0.html?&tx_ttnews%5Btt_news%5D=34196&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=36640f3a14 

One comment

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